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Systematik · Portfolio

Wie baut man eine Portfolio-Strategie auf?

Eine Portfolio-Strategie ist keine Liste von Wertpapieren, sondern ein Regelwerk: wofür das Geld gedacht ist, über welchen Zeitraum, nach welchen Kriterien eine Position aufgenommen wird und woran ihr Ende erkennbar ist. Dieser Beitrag beschreibt, wie sich solche Regeln herleiten lassen — ohne eine Aufteilung vorzugeben.

Market Playbook Redaktion · August 2026 · Lesezeit 8 Minuten

Abgrenzung

Was ist eine Strategie — und was nur eine Sammlung von Käufen?

Die meisten Depots entstehen nicht durch Planung, sondern durch Anlässe: ein Beitrag im Netz, ein Gespräch im Kollegenkreis, ein starker Kursverlauf. Jede Position hatte im Moment des Kaufs einen Grund, zusammengenommen ergeben diese Gründe aber kein Ganzes. Der Bestand ist dann eine Chronik vergangener Aufmerksamkeit, nicht das Ergebnis einer Entscheidung über das eigene Vermögen.

Der Unterschied zeigt sich an einer einfachen Probe: Lässt sich für jede Position sagen, welche Aufgabe sie im Ganzen hat, und wodurch sich ihr ursprünglicher Grund widerlegen ließe? Wer das für die meisten Positionen beantworten kann, hat eine Strategie. Wer stattdessen erzählen kann, wann und warum gekauft wurde, aber nicht, was passieren müsste, damit die Position wieder geht, hat eine Sammlung.

Eine Strategie ist außerdem etwas, das vor dem Ereignis feststeht. Regeln, die erst während eines Kurssturzes formuliert werden, sind keine Regeln, sondern Reaktionen. Genau deshalb steht am Anfang nicht die Frage, was gekauft wird, sondern die Frage, wozu das Geld überhaupt da ist. Aus dem Zweck folgt der Zeitraum, aus dem Zeitraum folgt, wie viel Schwankung verkraftbar ist, und erst daraus folgt die Aufteilung.

Die Bestandteile eines Regelwerks

Zweck
Wofür das Geld gedacht ist und wofür ausdrücklich nicht
Zeitraum
Ab wann darauf zugegriffen werden soll — und ob dieser Zugriff verschiebbar ist
Aufteilung
Welche Bausteine es gibt und welches Gewicht jeder Baustein tragen soll
Auswahl
Welche Bedingungen erfüllt sein müssen, bevor eine Position aufgenommen wird
Größe
Wie groß eine einzelne Position im Verhältnis zum eigenen Rahmen werden darf
Überprüfung
In welchem Rhythmus das Ganze angesehen wird und was dabei geprüft wird
Ausstieg
Woran erkennbar ist, dass der ursprüngliche Grund nicht mehr gilt
Nachweis
Wo die Begründungen stehen, damit sie später nachlesbar sind

Die Aufteilung

Wie legt man eine Aufteilung fest?

Zur Aufteilung kursieren griffige Formeln, und sie sind der Grund, warum viele Strategien schon im ersten Schritt danebengreifen. Eine Aufteilung lässt sich nicht allgemein angeben, weil sie aus Umständen folgt, die von Person zu Person verschieden sind. Wer eine fremde Formel übernimmt, übernimmt fremde Umstände. Sinnvoller ist es, die Größen zu bestimmen, aus denen sich die eigene Aufteilung ableitet.

Der Zeithorizont ist die wichtigste dieser Größen. Ein Betrag, der bald gebraucht wird, verträgt keine Schwankung, weil der Verkaufszeitpunkt dann nicht frei wählbar ist. Entscheidend ist nicht das Kalenderjahr, sondern die Frage, ob der Zugriff aufschiebbar wäre, falls die Kurse ausgerechnet dann tief stehen.

Das laufend verfügbare Einkommen bestimmt, ob ein Rückschlag ausgesessen oder ob verkauft werden muss. Wer regelmäßig etwas zurücklegen kann, ist auf den Bestand nicht angewiesen. Wer jeden Monat auf Kante lebt, braucht eine ruhigere Aufteilung, unabhängig davon, wie hoch die Bereitschaft zum Risiko im Selbstbild sein mag.

Die vorhandene Rücklage ist die Voraussetzung, nicht ein Teil der Strategie. Sie liegt außerhalb des Depots, jederzeit und ohne Kursverlust verfügbar, und schützt den Bestand vor Notverkäufen: Solange eine unvorhergesehene Ausgabe aus der Rücklage bezahlt werden kann, muss keine Position zum falschen Zeitpunkt aufgelöst werden. Ebenso gehört der Abbau teurer Schulden vor jede Anlageentscheidung.

Die persönliche Verlusttragfähigkeit hat zwei Seiten. Die rechnerische fragt, welcher Rückgang den Plan noch unbeschädigt lässt. Die seelische fragt, welchen Rückgang jemand aushält, ohne gegen die eigenen Regeln zu handeln. Maßgeblich ist der kleinere der beiden Werte. Wer das umgekehrt ansetzt, verkauft am Tiefpunkt.

Die eigene Erfahrung begrenzt schließlich, was überhaupt verantwortbar ist. Wer eine Anlageform nicht in eigenen Worten erklären kann — was sie erwirtschaftet, wer die Gegenseite ist, was im schlechten Fall passiert —, sollte sie nicht gewichten. Mit wachsender Kenntnis kann sich die Aufteilung ändern; ein gutes Börsenjahr allein ist kein Grund dafür.

Warum hier keine Zahlen stehen: Eine konkrete Aufteilung wäre eine Empfehlung für eine bestimmte Vermögenslage. Solche persönlichen Empfehlungen sind Anlageberatung im Sinne des Kreditwesengesetzes und erlaubnispflichtig. Dieser Beitrag beschreibt deshalb Kriterien, nach denen sich jemand seine eigene Aufteilung herleitet — die Herleitung selbst bleibt Sache der Anlegerin oder des Anlegers, gegebenenfalls mit Unterstützung einer zugelassenen Beratung.

Der spekulative Teil

Welche Rolle spielt ein spekulativer Anteil?

Ein spekulativer Anteil ist der Teil des Vermögens, bei dem ein vollständiger Ausfall von vornherein eingeplant ist. Er unterscheidet sich vom übrigen Bestand nicht durch die Anlageform, sondern durch diese Annahme. Wer eine Position in der Erwartung hält, dass sie sich schon erholen wird, hat keinen spekulativen Anteil, sondern eine unbewusste Wette.

Für die Größe gibt es eine Regel, die ohne Zahl auskommt: so klein, dass ein vollständiger Ausfall dieses Teils die übrige Planung nicht berührt. Prüfbar wird das über eine Frage, die sich vor dem Kauf beantworten lässt — bliebe der Zeitplan für den eigentlichen Zweck unverändert, wenn dieser Teil morgen auf null stünde, und müsste danach nichts anderes verkauft, verschoben oder nachfinanziert werden? Lautet die Antwort nicht zweimal ja, ist der Anteil zu groß.

Zwei weitere Grenzen sind ebenso wichtig. Erstens darf für den spekulativen Teil kein Fremdkapital eingesetzt werden, denn geliehenes Geld macht aus einem eingeplanten Ausfall eine offene Verbindlichkeit. Zweitens darf dieser Teil nicht nachgefüllt werden, wenn er verliert. Genau dieses Nachlegen verwandelt einen kleinen, bewusst getragenen Anteil innerhalb weniger Monate in eine Position, die das ganze Depot bestimmt.

Und es gibt eine legitime Antwort, die in der Diskussion oft untergeht: gar keinen spekulativen Anteil zu halten. Wer diesen Teil weglässt, verzichtet auf nichts, was für das Erreichen eines langfristigen Zwecks nötig wäre. Ein Regelwerk ohne spekulativen Anteil ist vollständig.

Der Rhythmus

Wie oft sollte man überprüfen?

Beim Überprüfen werden zwei Dinge verwechselt: das Anschauen von Kursen und das Überprüfen der Strategie. Kurse lassen sich rund um die Uhr abrufen, und je häufiger das geschieht, desto mehr Bewegungen ohne Bedeutung bekommt man zu sehen. Die Strategie dagegen wird in einem festen, seltenen Rhythmus geprüft — der Termin steht im Voraus fest, unabhängig davon, wie das Jahr gerade läuft.

Geprüft wird dabei nicht, ob die Wertentwicklung gefällt. Geprüft wird, ob die Annahmen noch stimmen: Gilt der Zweck unverändert? Hat sich der Zeitraum verschoben? Ist die Rücklage noch vorhanden oder wurde sie angetastet? Hat sich das laufend verfügbare Einkommen verändert? Haben sich die Gewichte durch die Kursentwicklung so verschoben, dass ein einzelner Baustein nun mehr trägt als vorgesehen? Das sind Fragen zum Plan, nicht zum Markt.

Daneben gibt es Anlässe ohne Kalender — sie liegen aber im eigenen Leben, nicht im Marktgeschehen: ein Wechsel der beruflichen Lage, eine neue Verpflichtung, ein vorgezogener Ruhestand. Solche Ereignisse verändern Zeitraum und Tragfähigkeit tatsächlich. Eine schlechte Börsenwoche tut das nicht.

Halten und verkaufen

Wann verkauft man, wann hält man?

Die Verkaufsentscheidung ist die schwierigste, weil sie fast immer unter Gefühlsdruck getroffen wird. Deshalb gehört sie in das Regelwerk und nicht in den Moment. Brauchbar ist eine Verkaufsregel dann, wenn sie sich auf den Grund der Position bezieht und nicht auf ihren Kurs: Verkauft wird, wenn die Annahme, die zum Kauf geführt hat, nachweislich nicht mehr gilt.

Das setzt voraus, dass die Annahme beim Kauf aufgeschrieben wurde. Wer notiert hat, warum eine Position aufgenommen wurde und welche Entwicklung diesen Grund entkräften würde, kann später nachlesen statt nachfühlen. Ohne diese Notiz entsteht ein teures Muster: Gestiegene Positionen werden verkauft, weil der Gewinn sicher wirkt; gefallene werden gehalten, weil ein Verkauf den Verlust bestätigen würde. So bleibt im Depot, was sich nicht bewährt hat.

Zwei weitere Anlässe sind sachlich begründet. Der eine ist die Größe: Wenn eine Position durch Kursgewinne ein Gewicht erreicht hat, bei dem ihr Rückgang die Planung beschädigen würde, ist ein teilweiser Abbau eine Frage der Statik, nicht der Einschätzung. Der andere ist der Zweck: Nähert sich der Zeitpunkt, für den das Geld gedacht war, wird der Bestand planmäßig in ruhigere Formen überführt — bevor der Termin da ist, nicht in dem Monat, in dem gezahlt werden muss.

Umgekehrt gilt: Ein fallender Kurs allein ist kein Verkaufsgrund, solange die Annahme trägt — ebenso wenig wie ein steigender Kurs allein ein Kaufgrund ist. Auch Kosten und Steuerfolgen gehören in die Überlegung, weil häufiges Umschichten Kosten erzeugt, die sicher anfallen, während der erhoffte Vorteil unsicher bleibt.

Die Fehlerquellen

Woran scheitern die meisten Strategien?

Strategien scheitern selten an der Auswahl der Werte. Sie scheitern daran, dass sie nicht schriftlich vorliegen, dass sie zu kompliziert für den Alltag sind oder dass sie im ersten ernsten Rückschlag verlassen werden. Alle drei Ursachen sind vor dem Einstieg beeinflussbar, im Rückschlag selbst dagegen kaum noch.

Der häufigste Einzelfehler ist das Klumpenrisiko, das entsteht, ohne dass jemand es bemerkt. Es reicht nicht, viele verschiedene Positionen zu halten — wenn dieselbe Branche, dieselbe Region, dieselbe Währung oder derselbe Zinstreiber hinter mehreren davon steht, bewegen sie sich gemeinsam. Dazu kommt der Klumpen außerhalb des Depots: Wer Anteile des eigenen Arbeitgebers hält, verknüpft Vermögen und Einkommen mit demselben Ereignis.

Der zweite große Fehler ist das ständige Verändern der Regeln. Wer die Aufteilung verschiebt, weil ein Bereich zuletzt besser lief, richtet das Depot rückwärts aus — nach einer Entwicklung, die schon bezahlt ist. Der dritte Fehler ist der Aufwand: Ein Regelwerk, dessen Pflege mehr Zeit verlangt, als jemand dauerhaft aufbringen kann, wird aufgegeben. Eine einfache Strategie, die durchgehalten wird, ist einer feineren überlegen, die bald liegen bleibt.

Trägt

  • Der Zweck des Geldes ist benannt, der Zeitraum ebenfalls
  • Die Rücklage liegt außerhalb des Depots und ist unangetastet
  • Für jede Position ist notiert, was ihren Grund entkräften würde
  • Der Überprüfungstermin steht fest, bevor das Jahr beginnt
  • Der Aufwand passt zur Zeit, die tatsächlich zur Verfügung steht

Trägt nicht

  • Die Aufteilung stammt aus einer fremden Formel ohne eigenen Bezug
  • Regeln werden erst während eines Rückschlags formuliert
  • Mehrere Positionen hängen unbemerkt am selben Treiber
  • Ein spekulativer Teil wird nach Verlusten nachgefüllt
  • Für den Einstieg wird Geld verwendet, das bald gebraucht wird

Einordnung: Eine Portfolio-Strategie entsteht nicht durch die Wahl der richtigen Werte, sondern durch die Reihenfolge der Fragen — Zweck, Zeitraum, Tragfähigkeit, dann erst Aufteilung und Auswahl. Wer sie einhält, kommt zu einer Aufteilung, die zu den eigenen Umständen passt und deshalb auch dann noch gilt, wenn die Kurse unangenehm werden.

Was dieser Beitrag nicht leisten darf, ist die Angabe konkreter Gewichte. Sie hängen von Umständen ab, die nur die betreffende Person kennt. Wer die Herleitung nicht allein vornehmen möchte, findet Unterstützung bei einer zugelassenen Anlage- oder Honorarberatung — eine erlaubnispflichtige Tätigkeit, und dieser Beitrag ist keine davon.

Häufige Fragen

Wie viele Positionen sind sinnvoll?

Eine Zahl lässt sich nicht allgemein nennen. Zwei Grenzen helfen weiter: Es sollten so wenige sein, dass sich für jede einzelne der Grund und die Aufgabe im Ganzen benennen lassen, und zugleich so viele, dass der Ausfall einer einzigen Position die Planung nicht umwirft. Wo beides zutrifft, ist die Anzahl angemessen.

Was ist ein Klumpenrisiko?

Ein Klumpenrisiko liegt vor, wenn ein einzelner Faktor einen so großen Teil des Vermögens bestimmt, dass sein Ausfall die Planung beschädigt. Der Faktor muss keine einzelne Position sein: Auch Branche, Region, Währung oder ein gemeinsamer Zinstreiber verbinden scheinbar verschiedene Werte. Dazu zählt ebenso ein Bestand an Anteilen des eigenen Arbeitgebers.

Wie groß darf ein spekulativer Anteil sein?

So klein, dass ein vollständiger Ausfall dieses Teils die übrige Planung nicht berührt. Die Probe lässt sich vor dem Kauf machen: Bliebe der Zeitplan für den eigentlichen Zweck unverändert, wenn dieser Teil morgen wertlos wäre, und müsste danach nichts anderes verkauft oder verschoben werden? Wenn nicht, ist er zu groß.

Wie dokumentiert man Entscheidungen?

Schriftlich und vor der Order, in wenigen Sätzen: Datum, Grund für die Aufnahme, gedachte Haltedauer, geplante Größe im Verhältnis zum eigenen Rahmen und die Entwicklung, die den Grund entkräften würde. Form und Ort sind zweitrangig. Entscheidend ist, dass die Begründung später nachlesbar ist, statt aus der Erinnerung rekonstruiert zu werden.

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